Longevity: Wie Tech-Millionäre das Altern austricksen wollen – und was die Wissenschaft wirklich weiß

Longevity: Wie Tech-Millionäre das Altern austricksen wollen – und was die Wissenschaft wirklich weiß

Foto: Shane auf Unsplash

Die Suche nach dem ewigen Leben hat das Silicon Valley fest im Griff. Tech-Millionäre wie Bryan Johnson, Peter Thiel und andere geben Millionen für Selbstexperimente aus, um den Alterungsprozess zu stoppen. Sie injizieren sich Rapamycin, lassen sich Blutplasma von jüngeren Spendern übertragen und schlucken Nahrungsergänzungsmittel in rauen Mengen. Doch was steckt wirklich hinter diesen Longevity-Trends? Und können sie halten, was sie versprechen? Wir werfen einen Blick auf die Faktenlage und die Risiken dieser Selbstversuche.

Die Faszination des ewigen Lebens

Die Vorstellung, das Altern austricksen zu können, übt eine enorme Anziehungskraft aus. Tech-Unternehmer wie Bryan Johnson, der 2013 seinen Bezahldienst Braintree für 800 Millionen US-Dollar an PayPal verkaufte, haben die Mittel, um ihre Visionen zu finanzieren. Johnson betreibt ein aufwendiges Gesundheitsprogramm namens „Blueprint“, das Medikamente, Peptide, Injektionen und weitere Verfahren umfasst. Sein Ziel: chronische Erkrankungen zu bekämpfen und das Leben zu verlängern. Solche Selbstversuche werden in den sozialen Medien unter dem Begriff „Longevity“ vermarktet und stoßen auf großes Interesse.

Doch die Wissenschaft ist skeptisch. „Keine medizinische Intervention hat bisher nachweislich die menschliche Lebensspanne verlängert, indem sie direkt auf den Alterungsprozess selbst zielt“, sagt Andrew Steele, Autor des Buchs „Ageless“. Zwar gibt es vielversprechende Ansätze, aber keiner davon wurde bislang in kontrollierten Studien am Menschen ausreichend untersucht.

Rapamycin: Das Hoffnungsmedikament mit Nebenwirkungen

Rapamycin, ein Immunsuppressivum, das normalerweise bei Organtransplantationen eingesetzt wird, gilt als einer der vielversprechendsten Kandidaten der Longevity-Forschung. Studien an Mäusen zeigen, dass es die Lebensspanne um 23 bis 60 Prozent verlängern kann, indem es den mTOR-Signalweg hemmt. Auch beim Menschen gibt es erste Hinweise: Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigte, dass der Rapamycin-Abkömmling Everolimus die Immunantwort auf Grippeimpfungen bei älteren Menschen verbesserte. Eine Folgestudie aus dem Jahr 2018 ergab, dass eine sechswöchige Behandlung die Zahl der Atemwegsinfektionen reduzierte.

Doch Bryan Johnson, der sich ab 2019 selbst Rapamycin spritzte, brach den Versuch im September 2024 ab. Zu den Nebenwirkungen gehörten Hautinfektionen, erhöhte Ruheherzfrequenz sowie erhöhte Blutzucker- und Blutfettwerte. „Da wir keine andere Ursache fanden und Dosisanpassungen keinen Effekt hatten, beschlossen wir, Rapamycin vollständig abzusetzen“, schrieb er auf X. Sein Fall zeigt: Was im Tierversuch funktioniert, muss beim Menschen nicht ohne Risiken sein.

Biohacking: Wenn Influencer Wissenschaft spielen

Die Longevity-Szene vermarktet oft vorläufige Forschungsergebnisse als bewährte Anti-Aging-Methoden. Tim Ferriss und Kevin Rose warnten kürzlich in ihrem Podcast vor Präparaten mit 1,3-Butandiol, einem Inhaltsstoff in exogenen Ketonen, die als Wundermittel für Konzentration und Leistungsfähigkeit galten. Tierversuche deuten darauf hin, dass die Substanz eine Fettleber verursachen könnte. „Behandelt es wie Ethanol“, mahnte Ferriss. Die US-Arzneimittelbehörde FDA warnte zudem vor Infusionen mit Blutplasma junger Spender, die Johnson regelmäßig erhält.

Experten wie Margje Camps von der Universität Utrecht sehen darin ein Problem: Influencer nutzen ihre Reichweite, um wissenschaftliche Sprache zu imitieren, ohne dass belastbare Studien vorliegen. „Es ist normal geworden, zu glauben, dass Menschen Nahrungsergänzungsmittel brauchen“, sagt sie. Oft verkaufen die Influencer sogar eigene Produkte – ihr kommerzielles Interesse bleibt dabei verborgen.

Was die Forschung wirklich zeigt

Nir Barzilai, Genetiker am Albert Einstein College of Medicine, sieht in einigen Ansätzen Potenzial. Er setzt Hoffnungen auf Metformin, ein preiswertes Diabetesmedikament, das seit Jahrzehnten eingesetzt wird. Auch GLP-1-Rezeptoragonisten wie Ozempic, SGLT2-Hemmer und Bisphosphonate könnten altersbedingte Erkrankungen verlangsamen. Doch er warnt: „Wissenschaft basiert nicht auf n=1.“ Einzelfälle wie Bryan Johnson ersetzen keine klinischen Studien.

David Gems vom University College London geht noch weiter: „Das ist Hybris von Tech-Bros. Sie glauben, weil sie in ihrem Leben so erfolgreich waren, könnten sie auch das Altern besiegen.“ Die Illusion vom Besiegen des Alterns vermittelt zwar ein Gefühl von Kontrolle, aber die Realität ist komplexer.

Die Risiken der Selbstversuche

Die Selbstversuche der Tech-Millionäre haben nicht nur individuelle Risiken, sondern auch gesellschaftliche Auswirkungen. Faye Mythen, Gründerin der Londoner Klinik Reborne Longevity, spricht von einem „Schatten-Phase-II-Problem“. Die Protokolle der Influencer werden zu einer Art allgemein akzeptierter Referenz, obwohl sie wissenschaftlich nicht abgesichert sind. Immer mehr Menschen fragen in ihrer Praxis nach dem Blueprint oder bestimmten Molekülen, bevor überhaupt Biomarker gemessen wurden.

Hinzu kommt: Viele der beworbenen Substanzen sind nicht ohne Risiko. Wachstumshormone, die Peter Thiel einnimmt, können laut Mayo Clinic erhebliche Nebenwirkungen haben. Methylenblau, das als Gehirn-Booster angepriesen wird, ist medizinisch nur begrenzt zugelassen. Und Nikotinbeutel mit hohen Dosen des Nervengifts sind keineswegs harmlos.

Fazit: Mehr Forschung, weniger Hype

Die Longevity-Bewegung hat ein berechtigtes Anliegen: Sie möchte das gesunde Leben verlängern. Doch der Weg dahin führt nicht über Selbstversuche, sondern über kontrollierte klinische Studien. Andrew Steele schätzt, dass eine ausreichend große Rapamycin-Studie mit gesunden Erwachsenen 50 bis 100 Millionen US-Dollar kosten würde – ein Betrag, den einige der Tech-Millionäre locker aufbringen könnten. Ob sie dazu bereit sind, ist fraglich. Bis dahin gilt: Sei skeptisch bei Wundermitteln und verlasse dich auf evidenzbasierte Medizin.

FAQ

Ist Rapamycin ein sicheres Anti-Aging-Mittel?
Nein, Rapamycin ist ein Immunsuppressivum mit erheblichen Nebenwirkungen. Es ist nicht für die Anti-Aging-Anwendung zugelassen und sollte nur in Studien eingenommen werden.

Können Nahrungsergänzungsmittel das Leben verlängern?
Es gibt keine Belege dafür, dass Nahrungsergänzungsmittel die Lebensspanne verlängern. Viele Versprechen basieren auf Tierversuchen oder Einzelfällen.

Was ist die Healthspan?
Die Healthspan bezeichnet die Anzahl an Jahren, die man ohne chronische Erkrankungen und größere altersbedingte Einschränkungen lebt. Sie ist ein wichtigeres Ziel als die reine Lebensspanne.

Sollte ich mich an Longevity-Protokollen wie dem Blueprint orientieren?
Nein, diese Protokolle sind nicht wissenschaftlich validiert. Konsultiere bei Gesundheitsfragen immer einen Arzt oder eine Ärztin.

Quellen

  • Kaeberlein, T. et al., GeroScience 10.1007/s11357–023–00 818–1, 2023
  • Mannick, J. et al., Science Translational Medicine 10.1126/scitranslmed.aaq1564, 2018
  • Miller, R. et al., Aging Cell 10.1111/acel.12 194, 2014
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