Erblichkeit der Lebenserwartung: Warum wir uns nicht auf die Gene verlassen sollten

Erblichkeit der Lebenserwartung: Warum wir uns nicht auf die Gene verlassen sollten

Bildrechte: Andrik Langfield

Hast du dich auch schon gefragt, wie sehr deine Gene über deine Lebenserwartung bestimmen? Eine aktuelle Studie in der renommierten Fachzeitschrift Science sorgt für Aufsehen: Sie beziffert die Erblichkeit der menschlichen Lebenserwartung auf etwa 55 Prozent – deutlich mehr als die bisher angenommenen 20 bis 25 Prozent. Klingt nach einer guten Nachricht für alle, die auf ihre guten Gene hoffen? Nicht ganz. Denn so spannend diese Zahl auch ist, sie sagt wenig über dein persönliches Leben aus. Warum das so ist und warum du dich nicht auf deine Gene verlassen solltest, erfährst du hier.

Was die neue Studie wirklich aussagt

Die Studie, die von einem internationalen Forscherteam durchgeführt wurde, basiert auf umfangreichen Datenanalysen und ist methodisch solide. Doch die Aussagekraft der Zahl 55 Prozent wird oft missverstanden. Sie gilt für eine Population unter idealen, standardisierten Bedingungen – quasi im Labor. Unser Leben spielt sich aber nicht im Labor ab. Wir sind täglich Umwelteinflüssen ausgesetzt, die unsere Gene beeinflussen und umgekehrt.

„Mathematische Modelle machen häufig die vereinfachende Annahme, dass intrinsische und extrinsische Faktoren strikt unabhängig voneinander sind. In der Realität können genetische und externe Faktoren jedoch in komplexer Weise zusammenwirken“, erklärt Steve Hoffmann, Bioinformatiker und Alterungsforscher von der Universität Jena.

Das bedeutet: Die Erblichkeit ist keine feste Größe, sondern variiert je nach Umgebung. In einer Gruppe mit sehr ähnlichen Lebensbedingungen (z. B. wohlhabende Menschen mit gutem Zugang zu Gesundheitsversorgung) wird der genetische Einfluss statistisch größer – einfach weil die Umweltunterschiede geringer sind. In einer Gruppe mit großen Umweltunterschieden (z. B. unterschiedliche Bildungschancen) sinkt die Erblichkeit. Die neue Studie bestätigt dieses bekannte Phänomen – aber die Zahl 55 Prozent ist kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen.

Warum du deine Gene nicht ändern kannst – deinen Lebensstil aber schon

„Wir können die Gene, mit denen wir geboren wurden, nicht ändern. Daher können wir allein die Umweltfaktoren und vor allem unser Verhalten ändern. Hier ist es wichtig, dass solche Faktoren einen ganz klaren Einfluss auf das Altern haben“, betont Björn Schumacher, Alterungsforscher an der Universität Köln.

Statt dich auf eine abstrakte Erblichkeitszahl zu konzentrieren, solltest du lieber auf das schauen, was du beeinflussen kannst: Nichtrauchen, ein gesundes Körpergewicht, regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und soziale Kontakte. Diese Faktoren haben einen enormen Einfluss auf deine Gesundheit und Lebenserwartung – unabhängig davon, ob die Erblichkeit nun 25 oder 55 Prozent beträgt.

Der Megafaktor Wohlstand

Ein oft unterschätzter Punkt ist der Einfluss des sozioökonomischen Status. Die reichsten Menschen in Deutschland leben im Durchschnitt sieben bis elf Jahre länger als die ärmsten. Das liegt nicht an besseren Genen, sondern an besseren Lebensbedingungen: Zugang zu gesunder Ernährung, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung, Bildung und weniger Stress. Soziale Gerechtigkeit ist also auch Krankheitsprävention. Wenn du Einfluss auf deine Lebensumstände nehmen kannst, tu es – aber vergiss nicht, dass strukturelle Fedingungen oft außerhalb deiner Kontrolle liegen.

Was die Epigenetik damit zu tun hat

Deine Gene sind nicht in Stein gemeißelt. Die Epigenetik – die Lehre davon, wie Umwelt und Lebensstil die Aktivität deiner Gene beeinflussen – zeigt, dass du deine genetische „Software“ umprogrammieren kannst. Eine gesunde Lebensweise kann positive epigenetische Veränderungen bewirken, die deine Zellen jung halten. Umgekehrt können Rauchen, Stress und schlechte Ernährung schädliche epigenetische Spuren hinterlassen. Die neue Studie zur Erblichkeit ändert daran nichts – sie unterstreicht nur, wie wichtig es ist, auf deine Umwelt und dein Verhalten zu achten.

FAQ

Ist meine Lebenserwartung also vor allem genetisch bestimmt?
Nein. Auch wenn die Erblichkeit bei 55 Prozent liegt, bedeutet das nicht, dass deine Gene dein Schicksal sind. Die Umwelt und dein Lebensstil spielen eine entscheidende Rolle.

Kann ich meine Lebenserwartung durch gesunden Lebensstil wirklich beeinflussen?
Ja. Studien zeigen, dass Nichtrauchen, normales Körpergewicht, Bewegung und eine gesunde Ernährung die Lebenserwartung um Jahre verlängern können – unabhängig von der Genetik.

Was ist mit Menschen, die „schlechte Gene“ haben?
Selbst wenn du genetisch vorbelastet bist (z. B. für Brustkrebs), kannst du durch Lebensstilmaßnahmen wie regelmäßige Bewegung das Risiko deutlich senken. Deine Gene sind kein Grund zur Resignation.

Sollte ich einen Gentest machen, um meine Lebenserwartung zu erfahren?
Davon ist abzuraten. Die Ergebnisse sind oft irreführend und können unnötige Ängste auslösen. Besser ist es, auf einen gesunden Lebensstil zu achten.

Fazit

Die neue Science-Studie ist wissenschaftlich wertvoll, aber für deinen Alltag irrelevant. Statt dich von einer Zahl verunsichern zu lassen, nutze deine Einflussmöglichkeiten: Lebe gesund, pflege soziale Kontakte und engagiere dich für eine gerechtere Gesellschaft. Denn letztlich zählt nicht, wie hoch die Erblichkeit ist, sondern was du daraus machst.

Quellen

  • Spork, P. (2026). Sporks Science News #154: Wir leben nicht im Labor! RiffReporter.
  • Science Media Center Deutschland. (2026). Expertenstimmen zur Studie.
  • Hoffmann, S. (2026). Zitat aus dem Newsletter.
  • Herzog, C. (2026). Zitat aus dem Newsletter.
  • Schumacher, B. (2026). Zitat aus dem Newsletter.

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